Es gibt Geschichten, die kann man sich nicht besser ausdenken. Am vergangenen Sonntag beim Saisonstart in Torgau wurden gleich mehrere davon geschrieben. Die erste begann bereits vor dem Spiel. Teambesprechung. René Koall als Backup für die Flügel vorgesehen. Spielbeginn. Aber Kapitän Pascal hat sein Trikot in der Kabine vergessen. Na gut, dann eben Steven mit auf die Doppelsechs und René direkt rein auf den rechten Flügel. Seine ersten Naturrasenerfahrungen sammelte René bereits bei den Knaben B. Ob auf dem holprigen heimischen Bautzner Geläuf, dem Reicker Ascheplatz oder dem Brockwitzer Hoppelacker, René hatte schon überall den unkontrollierbar springenden Ball unter Kontrolle gebracht und das zahlte sich auch an diesem denkwürdigen Tag in Torgau aus. Zweite Minute. Lange Ecke am Torgauer Kreis. Der Ball kommt vor das Tor. Irgendwie. Und holprig. Bestimmt irgendwo ein Fuß dran, aber weiter geht’s. Und dann bringt René die Kugel im allgemeinen Durcheinander gedankenschnell aus kurzer Distanz im Tor unter. Traumstart.
Die restliche erste Hälfte wurde bestimmt durch eine hervorragende Dresdner Abwehrarbeit. Angeführt von Abwehrchef und Universalabräumer Marco entstand zu keiner Zeit das Gefühl von gegnerischer Torgefahr. Auch die Dresdner Abteilung Attacke kam jedoch nicht über vereinzelte Gelegenheitsangriffe hinaus.
Im zweiten Abschnitt dann der Schock: Marco mit tiefem Cut an der Hand. An Weiterspielen ist nicht zu denken. Aber kein Problem, André übernimmt das Abwehrzentrum und Spielertrainer Modro wechselt sich kurzerhand selbst hinten rechts ein. Auswechslungen und Teammanagement übernimmt dafür nun Trainerspieler Marco. Für Modro dann gleich der nächste Schock: auch Torgau mit überraschendem Wechsel. Altmeister Ingo Ritter sollte von nun an im Dresdner Kreis Verwirrung stiften. „Der stand schon vor 15 Jahren die ganze Zeit neben mir im Kreis“ und „der ist immer für ‘ne Bude gut“ wusste Modro auch nach dem Spiel noch sichtlich entnervt zu berichten. Zwar hatten die Dresdner das Spiel zunächst auch weiterhin gut im Griff, doch als die Gastgeber nach einer eigenen Eckenserie immer besser ins Spiel fanden, kam was kommen musste. Nachdem die vierte Torgauer Ecke eigentlich schon geklärt schien, schaffte es der Ball doch noch einmal quer durch den Dresdner Kreis und Ingo netzte am langen Pfosten eiskalt ein. Modro war zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Rückweg von der Mittellinie und musste daher machtlos zuschauen.
Naja, was soll‘s. 1:1. In Torgau prinzipiell immer noch mehr als vorher eingeplant. Wer gewinnt schon in Torgau. Dresden zum letzten Mal vor (bestenfalls) mehr als 23 Jahren.* Jetzt nur nicht wieder unglücklich verlieren. Und dann kam David Mearns. David Mearns: Lok-Cup-Legende, Dauer-Goalgetter, trinkfester Schotte, Gitarrengott bei den Rods of Love. Noch zwei Minuten zu spielen. Einer der mittlerweile spärlich gesäten Dresdner Entlastungsangriffe kommt gefährlich bis in den Torgauer Kreis. Und dann – in tschechisch-schottischer Koproduktion – landet der Ball tatsächlich im Tor. Unvergleichlich netzt Dave per Schrubber im aufrechten Stand (wird ab sofort wieder in allen Nachwuchsabteilungen so gelehrt) das Ding ein. Ins kurze Eck. Torwart perfekt ausgeguckt. Unbeschreibliches Gefühl. „Die Lücke hab ich vorher schon gesehen, aber es war wichtig, dass der Ball genau so kommt, wie er kam. Sonst hätt ich ihn wahrscheinlich peinlich in die Wolken geschossen oder nicht getroffen“ behauptet der schottische Edeltechniker im Nachhinein bescheiden, auch wenn er die Kugel vermutlich selbst hinter dem Rücken noch eingeschoben hätte. David Mearns: Bereits vor dem Spiel eine lebende ESV-Legende, jetzt endgültig unsterblich. Die letzten beiden Minuten vergingen dann erstaunlich schnell. „Ich hatte eigentlich erwartet, die würden ewig dauern“ beschrieb Pete seine aufgewühlte Gefühlslage kurz vor dem erlösenden Abpfiff, welcher dann auch bei allen anderen ungeahnte Glücksgefühle freisetzte. Unfassbar geil. Alle liegen sich in den Armen. Kann man eigentlich nicht in Worte fassen. Wobei, doch, Robbi hat’s eigentlich ganz gut geschafft, kann jetzt hier aber aus Jugendschutzgründen nicht wortwörtlich wiedergegeben werden.
Was folgt, verschwimmt in erfolgstrunkener Glückseligkeit. Alle wissen, heute ist was Besonderes passiert. Vermutungen werden angestellt, wie lange denn der letzte Sieg in Torgau nun wirklich her ist. Erinnern kann sich niemand. Dabei gewesen ist sowieso keiner. Charlie durchforstet fleißig sein Keller-Archiv.* Mit leichter Verbitterung in der Stimme aber auch einem kleinen Schmunzeln verabschiedet uns der Torgauer Abwehrchef Ronny Schwirtz mit den Worten „Hier zu gewinnen ist eine Ehre.“ Und genauso hat sich’s auch angefühlt! Das Schmunzeln bedeutete sicherlich so viel wie „Ich freu mich schon auf die nächsten 23 Jahre, in denen ihr hier keinen Stich seht“, aber für den Moment zählt nur der Moment. Wie schnulzig. Egal. Was für ein Tag.
Teil der legendären ESV-Mannschaft, die sich nun mit den Helden von 1954 auf einer Stufe betrachten kann, waren**: Martin „Immer da wenn‘s brennt“ Siegert, André „Eiskalt auf der Linie geklärt“ Kießling, Marco „Universalabräumer“ Steinert, Stefan „Nicht der schon wieder“ Modrozynski, Till „voller Körpereinsatz“ Rath, Steven „Sooo Scheiße is Naturrasen garnich“ Scholle, Tom „Ohne Schlaf spielt sich‘s immernoch am besten“ Gabel, Pascal „Was wäre nur passiert, wenn er sein Trikot gleich angezogen hätte“ Krumbholz, Peter „Freut sich, dass Cornelia ihn hat mitspielen lassen“ Welchman, Robert „So gut hab ich mich das letzte Mal gefühlt als…“ Blumentritt, Mirko „viermal Training die Woche hat sich ausgezahlt“ Dornau, Neuzugang Willi „der Nachname verpflichtet“ Keller, René „Naturrasengott“ Koall, David „Für immer unsterblicher ESV-Highlander“ Mearns…
…und Berichterstatter Roman „Mit neuen Schienis und frischgetaptem Schläger zum Erfolg“ Murcek.
Olé ESV!
Olé ESV!
Olé! Olé! Olé!
E! S! V!
* Nach dem Spiel durchforstete Charlie gründlichst seine Bläddl-Archive. Dieses erscheint regelmäßig seit 1990 und weist bis zum heutigen Tage nicht einen Sieg der Dresdner Herren in Torgau auf. Sofern ein solcher Sieg also überhaupt schon mal gelang, ist dies mindestens 23 Jahre her. Das Bläddl 09/13 wird also ebenfalls eine legendäre Ausgabe werden.
** Jetzt bereut sicher der ein oder andere in den Urlaub/die Heimat gefahren zu sein, um der scheinbar sicheren Niederlage in Torgau aus dem Weg zu gehen. Schade Jungs, habt was verpasst 😉
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Hallo Modro (sonst kennt mich glaube ich keiner mehr, doch, Marco), ich kann mir sehr gut vorstellen welchen Gesichtsausdruck die Begenung mit Ingo bei dir hat entstehen lassen…Ja, der Ronny hat recht, in Torgau zu gewinnen, ist wirklich was Besonderes, deswegen meinen Glückwunsch an alle beteiligten ESVler von einem, der es ein paar Jahre vergeblich versucht hat (bestes Resultat ein 2:2 mit Gegentreffer kurz vor Schluss…). Mit etwas Neid, aber dafür umso herzlicher der Gruß,
JoAchim
Kommentar: (Jo)Achim Röhrs – 02. September 2013 @ 10:47
Herzlichen Glückwunsch an die Helden von Torgau. Ich konnte mich leider auch nicht mehr an einen möglichen Sieg in TG erinnern – Unentschieden kurz vor Schluss gab es ein paar Mal.
Ausgerechnet Ingo! Da hätte ich die Sprintduelle gern gesehen.
Kommentar: Oliver P. – 02. September 2013 @ 10:56
Ein blendener Bericht eines überglücklichen ESV-Spielers und -Knabentrainers. Da gemäß Verbandsfestlegung zumindest 2013 in der Feldoberliga der Herren gegenseitig gepfiffen wird, sei gern der Dresdner Schiri genannt: Verbands-Jugendschiriobmann Martin Menz.
Kommentar: charly – 02. September 2013 @ 11:31
überragend geschrieben! das muss ja ein rhetorisch und spielerisches abgespritze gewesen sein!! glückwunsch!!!
Kommentar: wonderwonn – 02. September 2013 @ 15:29
Glückwunsch, ihr Recken. Sieg in Torgau kenn ich nur aus der Halle, wenn ich nicht irre. Nach diesem Bruch in der Geschichte ist alles möglich. Habt ihr den Ball aufgehoben? fragt Euer Ex-Goalie Jörg.
Kommentar: Jörg – 03. September 2013 @ 08:27